Blankwaffen Forum (https://www.deutsches-blankwaffenforum.de/index.php)
-- Blankwaffen Ausland (https://www.deutsches-blankwaffenforum.de/board.php?id=5)
---- England (https://www.deutsches-blankwaffenforum.de/board.php?id=25)
Thema: P1827 Marineoffizierssäbel (https://www.deutsches-blankwaffenforum.de/topic.php?id=10710)
Geschrieben von: Ulan13 am: 06.04.26, 21:41:57
Leider erfreuen sich bei uns englische Waffen, egal ob Blank- oder Feuerwaffen, nicht so großer Beliebtheit, wie sie es eigentlich verdienten. Sind sie doch nicht nur von ästhetischen Standpunkt her außergewöhnlich, sondern auch in Qualität und Funktion hervorragend. Darüberhinaus wirkten englische Blankwaffen im 19. Jhd. stilbildend auf ganz Europa.
Ein Beispiel hierfür ist das „Navy-Officer-Sword pattern 1827“ von Prosser, das ich hier vorstellen möchte:
Vergoldetes Messing Gefäß mit halbseitig abklappbarem Stichblatt, fein ziseliertem Löwenkopfknauf (Sogar in der originalen Vernietung sind die Haare des Löwenhauptes graviert!); Griff mit Rochenhaut überzogen und dreifacher Drahtwicklung, wobei der mittlere Draht fein gewendelt ist. Breite, beidseitig geätzte Steckrückenklinge mit ausgeprägtem Schör, Ort mittig.
Schwarze Lederscheide mit vergoldetem Ort- und Mundblech. Dieses mit zwei Ringen, wobei zwischen diesen noch erkennbar ist, dass ursprünglich ein Trage-Knopf angebracht war. Ein Ring später als der andere. Beide Veränderungen in der Tragezeit. Außerdem Herstellerinschift in Kartusche auf einer Seite des Mundbleches.
Eine weitere, von mir nicht deutbare Nummer befindet sich auf der Innenseite des Briffbügels kurz unterhalb des Löwenknaufes.
Erstklassige Qualität des gesammten Stückes, auch wenn die Klinge etwas fleckig ist. Herstellungszeitraum 1827-30, also noch zu Zeiten von George IV..
Es folgen die technischen Daten:
Gesamtlänge (versorgt): 91,6
" (unversorgt): 91cm
Klingenlänge: 75,7cm
Klingenbreite (Basis): 3,6cm
max. Breite Schör: 3,5cm
Gewicht (unversorgt): 1021g
Nun ein paar Worte zu John Prosser:
John Prosser war eine der führenden Blankwaffenadressen in England von Beginn des neunzehnten Jahrhunderts bis 1837, sprich seinem Tod.
Seine Firmengeschichte ist recht interessant: Mary Cullum, die Witwe von Thomas Cullum, der 1790 starb, hinterließ 1795 John Prosser , ihrem "Shopman", den Betrieb ihres Mannes. Dieser akzeptierte das Erbe natürlich und betrieb nun als "Sword-Cutler and Belt-Maker" seinen eigenen Betrieb. 1796 wurde seine eigene Marke in der "Goldsmiths-Hall" eingetragen und auch die Adresse "9 Charing Cross"
Er war aber nicht nur Hersteller von Blankwaffen, sondern auch Ausrüster und Verkäufer von allerlei militärischem Bedarf. Es gibt ebenso Feuerwaffen mit seinem Namen, wie Gürtel, etc. Er erhielt etliche Privilegien wie "Maker to the King".
Prosser gilt als Vater der "Pipe-Back-Blade", die man hierzulande als "Steckrückenklinge" kennt. Besonders markant sind seine "pattern 1827 Navy-Officer"-Säbel mit extrem großen Schör/Jelman. Dieses Element geht auf osmanische Klingen, wie die des "Kilic" zurück und Prosser nutzte es gerne.
Prossers Steckrücken-Klingen wurden 1821 die regulären Klingen für den leichten und den schweren Kavallerie-Offizierssäbel "pattern 1821", auch den Infanterie-Offizierssäbel "pattern 1822", den "Rifles"- Offizierssäbel, bzw. den Navy-Offizierssäbel "pattern 1827".
Die von ihm gefertigten Waffen waren zu seiner Zeit die Referenzklasse. Prosser starb 1837 mit 68 Jahren an einer Lungenentzündung.
Der P1827 war der reguläre Marine-Offizierssäbel in seiner hier vorliegenden Form bis 1845, woselbst er eine neue Klinge im sog. „Wilkinson-Stil“ erhielt, wie dies auch bei den anderen Offizierssäbelmodellen der Fall war. Die Steckrückenklingen erwiesen sich wohl als nicht so stabil, was bei dem Klingenquerschnitt auch nicht weiter verwundert, ist doch nur der Klingenrücken einigermaßen massiv. Das Blatt selbst ist ziemlich dünn und daher beim Stoß mit wenig Steifigkeit behaftet, was beispielsweise das Durchdringen von fester Kleidung schwierig macht, bzw. zu Verbiegungen der Klinge führen kann. (Zu diesem Thema komme ich nochmal im Ergänzungsbeitrag.) Besonders bei den schmaleren Klingen der Infanterie- und Rifles-Offiziersmodellen war das problematisch.
Die Steckrückenklingen erlebten aber gegen Ende des Jahrhunderts nochmals ein Comeback auf dem Kontinent, wie man ja solche z.B. auch bei preussischen oder schweizerischen Modellen findet.
Besonders die Marine-Offizierssäbel des Kaiserreichs zeigen deutlich die englischen Einflüsse des P1827. Dies vor allem für das Design des Griffs, der ja unschwer als Nachfahre der „Gothic Hilt“ gekennzeichnet ist. Überhaupt wurde die Griffform gerne in den deutschen Staaten nachgeahmt, besonders natürlich in Hannover (durch die Personalunion mit England bis 1837 bedingt), aber auch beispielsweise in Nassau, etc.
Übrigens verwendet die Royal Navy auch heute noch ähnliche Säbel.
Hier noch ein Link zu einem sehr empfehlenswerten Video-Beitrag zu diesem Modell: Siehe hier
Grüße vom Ulanen
Geschrieben von: Ulan13 am: 06.04.26, 21:43:35
Weitere Bilder:
Geschrieben von: Ulan13 am: 06.04.26, 21:45:04
Ergänzungsbeitrag.
Diese Klingenform hat ja nicht bloß ein tolles Aussehen, der gute Mr. Prosser wird sich auch etwas dabei gedacht haben, diesen massiven Schör zu verwenden.
Das Vorgängermodell war kein Säbel, sondern ein Degen (Spadroon) und somit primär eine Stichwaffe mit weniger Hiebfähigkeit. (Diese Diskussion der Vor- und Nachteile von Hieb- und Stichwaffen ist in England enorm wichtig!)
Als nun in den 1820ger Jahren die Spadroons verschwanden und durch Säbel ersetzt wurden, wollte man bei dem Marinemodell wohl dennoch eine gewisse Stoßfähigkeit gewährleisten und hat daher diesen großen Schör mit mittigem Ort geschaffen. Denn wie man auf dem Bild unten sieht, bietet diese Anordnung die Möglichkeit, die Kraft des Stoßes in die Klinge zu übertragen, was bei einem Säbel mit a) sehr gekrümmter Kinge und b) Ort am Klingenrücken, nicht in befriedigender Weise möglich ist. (Der Ort sollte in einer Linie mit dem Griff liegen, um die Kraft entsprechend zu übertragen; siehe Bild) Daher ist ja beispielsweise der M/1811 „Blücher“ als Stichwaffe total unbrauchbar. So bietet dieser eigenwillig geformte Schör einen Kompromiß, um keine reine Hiebwaffe zu haben, sondern einen Säbel mit Stichpotenzial.
Ansonsten, bei den asiatischen, ungarischen, etc. Schörklingen ist dieser Jelman ja im Grunde nur eine Verstärkung/Verbreiterung der Säbelklinge zum Ort hin und hat lediglich die Aufgabe, dieser beim Hieb Festigkeit zu verleihen.
Der Verbesserung der Stichfähigkeit bei gleichzeitiger Festigkeit der Klinge wurde ab 1845 weiter Rechnung getragen (Wilkinson-Klingen). Nicht umsonst wurden die Klingen der englischen Säbel, insbesondere bei der Infanterie, sukzessive immer gerader in der viktorianischen Ära, bis man Ende des Jahrhunderts im Grunde am selben Punkt war, wie hundert Jahre vorher: beim Offiziersdegen!
Grüße vom Ulanen
Geschrieben von: ulfberth am: Gestern, 11:48:00
... um so mehr freut man sich, wenn man einmal einen Beitrag über England zu lesen bekemmt.
Gruß
ulfberth
Geschrieben von: fritz1888 am: Gestern, 11:57:02
Ein sehr schöner Säbel, danke!
Übrigens, schon vor der kaiserlichen Marine hatte das englische Modell Pate für die deutschen Marinen gestanden.