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Thema: Schaumburg-Lippe, Hirschfänger von 1849 (https://www.deutsches-blankwaffenforum.de/topic.php?id=10656)
Geschrieben von: Clouseau am: Heute, 13:51:39
Vorgestellt wird der seltene Hirschfänger eines der kleinsten Truppenkontingente des Militärs des Deutschen Bundes. Schaumburg-Lippe gehörte zu dessen Reserve-Division, stellte wie üblich 2 % seiner Bevölkerung zum Militär, d. h. im Fall einer Mobilmachung ab 1849 zwei Jäger-Kompanien à 150 Mann und eine Reserve-Kompanie zu 144 Mann. Die tatsächliche Stärke war stets geringer, was bei Inspektionen seinerzeit zu Klagen der Bundesorgane führte. Die Jäger trugen Perkussionsbüchsen Herzberger Fertigung, die bereits mit zugehörigem Bajonett versehen waren und zusätzlich diesen Hirschfänger, der deshalb nicht aufpflanzbar zu sein brauchte.
Getragen wurde er nur bis 1863, da dann modernere Waffen eingeführt wurden, über die man weitere Informationen auch hier im Forum finden kann. Die Abgabe dieser als zu schwer empfundenen Hirschfänger wurde von der Truppe begrüßt. Eine Modellbezeichnung ist nicht bekannt - dürfte es vermutlich auch nicht gegeben haben.
Mir selbst war dieses Modell völlig unbekannt, bis Walter Meier in der ZfHk, Nr. 485, Juli/September 2022, den Mitgliedern der Gesellschaft für Heereskunde eine solche Waffe erstmals vorstellte. Nun gelang es mir, ein weiteres Exemplar zu finden. Beide Exemplare sind von den Maßen her leicht unterschiedlich: Gesamtlänge (m. Scheide) 585 mm, bzw. o. Scheide 580 mm, Klingenlänge 440 mm, -breite 35 mm. Volle Klinge ohne Fehlschärfe, Mittelspitze, am Ort auf 100 mm beiderseits angeschliffen.
Die Waffe weist einige Besonderheiten auf, die m. W. nach nur an diesem Modell zu finden sind. Grund könnte sein, dass alle Bestandteile ausschließlich im Fürstentum selbst entwickelt (?), auf jeden Fall aber hergestellt wurden (in Bückeburg und Stadthagen). Beauftragte Schmiede, Gelbgießer, Gürtler, Sattler und Büchsenschäfter konnten von Walter Meier im Niedersächsischen Landesarchiv namentlich ermittelt werden und machen das Stück auch daher noch interessanter, bedingen aber auch die leicht unterschiedlichen Maße. Größere Waffenfirmen hätten sicher auf Bauteile aus ihrem vorhandenen Sortiment zurückgegriffen.
So erfolgte die Vernietung der Klinge über einen eingelöteten eisernen Ring, der oben fast komplett in die imitierte Griffkappe eingelassen ist.
Am Mundblech der Scheide ist an der Vorderseite der Deckplatte eine Art „Lappen“ angebracht, der 20 mm nach unten reicht und somit in der Tasche am Koppel einen festen Sitz des Hirschfängers gewährleistet. Diese Trageweise ist auch auf dem beigefügten Foto zu erkennen (um 1862; Quelle: Festschrift zur Silberhochzeit von Fürst Georg und Fürstin Marie Anna, 1907). Ggf. wollte man damit bei versorgter Waffe zugleich eine Art Muschel imitieren, die ja oft an jagdlichen Hirschfängern zu finden sind, um den Verlust von Werkzeugen zu verhindern, die sich in einer (hier nicht vorhandenen) Beischeide befanden.
Das Ortblech der Scheide wird unten durch eine eingelötete Eisenplatte abgeschlossen. Am hier vorgestellten Exemplar ist die Scheide etwa mittig einmal stark geknickt worden; vielleicht aus diesem Grund ist das Leder komplett gedreht worden, so dass sich die Naht nun auf der Terzseite befindet. Beim von Meier vorgestellten Stück ist die ursprüngliche Form noch erhalten. Aufgrund der vorhandenen Alterungsspuren dürfte diese Reparatur schon während der Tragezeit erfolgt sein.
Quartseitig auf dem Mittelstück sind die einzigen, zweizeiligen Stempelungen angebracht: „19 / 2“ (ohne Punkte!), beim anderen Hirschfänger findet sich hier „22. / 2.“ (mit Punkten!). Da es nur zwei Jäger-Kompanien gab, handelt es sich um die Waffen Nr. 19 und 22 der zweiten Kompanie.
Bei nur 309 überhaupt hergestellten Hirschfängern und der relativ kurzen Tragezeit ist die unterschiedliche Stempelung einmal mit, bzw. ohne Punkt bemerkenswert, kann aber immer wieder auch bei Waffen anderer Staaten festgestellt werden.
Geschrieben von: Clouseau am: Heute, 13:53:40
Hier Fotos der einzigartigen Scheidenkonstruktion.
Geschrieben von: Clouseau am: Heute, 13:57:48
Rest der Fotos.
Geschrieben von: Ulan13 am: Heute, 14:49:05
Tolle Kleinstaatenwaffe! Diese kleinen "Extras", diese Besonderheiten, hier insbesondere der Scheide, sind immer wieder faszinierend! Leider war damit ja seit 1866 sukzessive Schluß...
Vielen Dank für die informative Präsentation dieses Stücks!
Grüße vom Ulanen
Geschrieben von: ulfberth am: Heute, 20:05:15
Danke für die Vorstellung dieser interessanten Waffe.
Gruß
ulfberth