Der Degen mit dem „R“ – Blankwaffe des Schwäbischen Kreises um 1760
Über die Ausrüstung der Truppen des Schwäbischen Kreises mit Feuerwaffen während des 18. Jahrhunderts ist im Laufe der Zeit einiges bekannt geworden, zu den damals verwendeten Blankwaffen hingegen ist das heutige Wissen recht dürftig.
Dies liegt unter anderem daran, dass exakt zuschreibbare Realien zu diesem Thema bis heute nahezu unbekannt geblieben sind. Nur eine einzige Blankwaffe, von der sich sogar zwei unterschiedliche Varianten erhalten haben, konnte bis jetzt den Truppen des Schwäbischen Kreises zweifelsfrei zugeschrieben werden.
Neben den Truppen des Herzogtums Württemberg stand im Land seit 1521 bis 1806 das nur im Kriegsfalle mobil gemachte Kontingent des Schwäbischen Kreises. Dieser umfasste die Herzogtümer Baden und Württemberg, sowie drei Bistümer, drei weltliche Fürsten, 32 Prälaten, sechs Äbtissinnen, eine Balley, 25 Grafen und Herren, sowie 34 freie und Reichsstädte. Den Oberbefehl über diese Kreistruppen hatten zwei „kreisausschreibende“ Fürsten, zum einen der katholische Bischof des Hochstifts Konstanz und zum andern der protestantischen Herzog von Württemberg. Zur Ausrüstung der Kreistruppen standen in Rottweil und Esslingen Kreiszeughäuser zur Verfügung, aus deren Beständen die Kreistruppen versorgt wurden. Die Zeughäuser wiederum erhielten die notwendigen Waffen aus Lüttich, Zella St. Blasii und besonders aus Suhl, hinsichtlich der erforderlichen Blankwaffen dürften diese aus Solingen beschafft worden sein.
Degen des Schwäbischen Kreises
Der hier vorzustellende Degen, dessen Scheide leider nicht mehr vorhanden ist, besitzt ein Messinggefäß, dessen Griff eng mit Messingdraht umwickelt ist, einen vasenförmigen Knauf und Griffbügel, welcher in ein terzseitiges Stichblatt ausläuft. Quartseitig ist ein Daumenring vorhanden. Die gerade Klinge hat ein sechskantiges Profil. Der konisch zum Ort hin zulaufenden Klinge ist terzseitig und gut erkennbar der kaiserliche Doppeladler, auf der Quartseite ein großes, deutlich lesbares „R“ unter Krone eingraviert. Dieses „R“ findet sich auch als Relief an der Unterseite des Stichblatts, hier aber ohne Krone. Dieses „R“ steht, so ist zu vermuten, für das Wort „REICH“ und weist somit auf das Hl. Römische Reich Deutscher Nation hin , womit die Zuordnung der Waffe zu den Reichstruppen, in diesem Fall zu den Truppen des Schwäbischen Kreises möglich ist.
Der Degen hat eine Gesamtlänge von 850 mm, die Klinge ist 696 mm lang und ist 29 mm breit, sein Gewicht beträgt 745 g.
Das Wappen des Schwäbischen Kreises
Als einziger der Reichskreise führte der Schwäbische Kreis ein Wappen. Dieses Wappen ist als bekrönter Doppeladler mit Herzschild auf der Terzseite des hier vorgestellten Degens eingraviert. Auf diesem Herzschild sieht man die drei übereinander angeordneten Löwen des ehemaligen Herzogtums Schwaben und darüber ein Kreuz. Dieses Kreuz ist nach heutiger Kenntnis dasjenige des früheren Schwäbischen Bundes (rotes Kreuz auf silbernem Grund) oder das des Hochstifts Konstanz (weißes Kreuz auf weißem Grund) sein. Exakt diese Wappendarstellung ist auch einer Im Heeresgeschichtlichen Museum Wien vorhandenen Truppenfahne des Schwäbischen Kreiskontingents von 1796 zu sehen, die in einem Oval oben ein Kreuz und darunter die drei Löwen zeigt. Diese Darstellung entspricht exakt der 1683 in Ulm/Do beschlossenen Festlegung „….dass man die Standarten und Fahnen ein Schild mit einem Kreuz und dreyen Löwen als des Schwäbischen Creyses Wappen auszeichnen“ solle.
Dragoner-Degen?
Bis heute ist völlig unklar, für wen dieser Degentyp beschafft wurde. Allgemein wird das Stück als „Offizierdegen des Schwäbischen Kreises“ bezeichnet, doch kann dies nicht stichhaltig sein: Offiziere – egal welcher Armee – waren grundsätzlich gehalten, Ihre Bewaffnungsutensilien nach eigenem Geschmack und vor allem auf eigene Kosten zu beschaffen. Daraus aber folgt zwangsläufig, dass die Offiziere des Schwäbischen Kreiskontingents unterschiedlichste Blankwaffen führten, die natürlich heute nicht ohne weiteres zu identifizieren sind, weil entsprechende Hinweise an der Waffe in Form von Truppenstempeln oder Herrschermonogrammen in den allermeisten Fällen nicht vorhanden sind.
Nun findet man aber an den wenigen noch existenten Stücken des hier beschriebenen Typs eindeutige Hinweise auf deren Identität, an den Klingen den kaiserlich habsburgischen Doppeladler und das große, bekrönte „R“, welches auch am Stichblatt als Hochrelief vorhanden ist. Diese eindeutigen Eigentumsnachweise sprechen deutlich gegen die Annahme, dass es sich bei diesen Degen um Offizierwaffen handelt. Vielmehr muss man davon ausgehen, dass diese dem Kreis gehörenden und als solche gekennzeichneten Waffen an die berittenen Mannschaften der Kreistruppen ausgegeben wurden. Leider existiert nur sehr wenig hilfreiches Bildmaterial. Lediglich die farbige Darstellung eines abgesessenen Dragoners in einem Buch aus der Mitte des 19. Jahrhunderts und eine Knötel-Zeichnung zeigen jeweils eine Dragoner-Blankwaffe mit gerader Klinge und Tombak- oder Messinggefä8, wobei beide gezeigten Gefäße - soweit erkennbar - sich unterscheiden, keinesfalls aber dem hier vorgestellten Stück entsprechen. Es ist sicherlich nicht zu vermessen, wenn man unter Berücksichtigung der Seltenheit des hier behandelten Degens davon ausgeht, dass den beiden Künstlern ein Original als Vorlage vielleicht nicht zur Verfügung stand und sie sich deswegen an anderweitig übliche Muster gehalten haben.