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Frühes Infantry Officer Sword Pattern 1845 von Wilkinson

original Thema anzeigen

08.05.26, 15:25:54

Ulan13

geändert von: joehau - 11.05.26, 00:16:47

Die meisten Männer werden wohl irgendwann in ihrem Leben mal mit einer Wilkinson-Klinge
in Berührung gekommen sein, beim Rasieren :D ...

Allerdings nicht mit einer so großen und so alten, wie sie der hier von mir vorgestellte Säbel besitzt.
Es handelt sich nämlich um ein „Infantry Officer Sword Pattern 1845“ eines East-India-Company-Offiziers namens „Hasell“ mit einer sehr frühen („prenumbered“ = vor 1854) Wilkinson-Klinge. Durch die Zuordnung zu diesem Gentleman ist auch der Herstellungszeitraum zu verorten, nämlich auf 1845/46. Weiteres dazu unten.
Hier zunächst die technischen Details:

Gesamtlänge versorgt/unversorgt: 97,2 cm / 96 cm
Klingenlänge: 81,9 cm
Klingenbreite (max.): 2,9 cm
Gewicht versorgt/unversorgt (incl. Portepee): 1279 g / 923 g

Griff sog. „Gothic Hilt“, durchbrochenens Gefäß aus Messing vergoldet mit abklappbarem Seitenteil, überkröntes Herrschermonogramm in Kartusche „VR“ (Victoria Regina), Griff mit Haifischhaut (shagreen) bezogen und mit Kupferdraht umwunden, mittlere Drahtwicklung fein gewendelt. Außerdem besitzt der Korb einen Ledereinsatz, der Stiche durch die Öffnungen verhindern soll. Dieses war meines Wissens fakultativ und nicht ordonannzmäßig vorgesehen. Erhalten haben sich diese Stichleder ziemlich selten.
Darüberhinaus besitzt der Säbel noch das originale Portepee des 44. „Bengal Native Infantry“-Regiments, in dem Hasell diente. (rot/silber)

Wilkinson-Klinge mit Prooves Slug und Hersteller-Signatur („Henry Wilkinson - Pall Mall – London“) geätzt, außerdem die Initialen des Besitzers („WLH“) überkrönt von einem Eichhörnchen zwischen zwei Eichen, dem Wappen der Hasells, weiterhin das Monogramm von Queen Victoria, der EIC-Löwe und Rankenwerk. Klingenrücken ebenfalls mit Ätzung. Alles sehr fein geätzt und von hoher Qualität. Klinge leicht geschärft, Ort mittig, die typische „Wilkinson-Klinge“, wie sie auch in vielen anderen Staaten Verwendung fand.

Lederscheide mit Messingbeschlägen, zwei Trageringen und einem Trageknopf zusätzlich. Auf einer Seite ebenfalls die Wilkinson-Marke in Kartusche. Die Scheide sieht aus, als wäre sie gewachst worden, ein typisches Verfahren für Gegenstände, die in Tropenregionen, bzw. auf See Verwendung fanden, um sie zu imprägnieren.

Das Schöne ist natürlich, neben der Vollständigkeit dieses Ensembles, die Tatsache, daß der Träger des Säbels bekannt ist, auch wenn es sich um einen Wilkinson-Säbel handelt, der hergestellt wurde, bevor die Firma 1854 ihr Nummernsystem einführte (was auch heute noch die Zuordnung alter Waffen zu ihrem Träger erlaubt, da das (Wilkinson Archiv) nach wie vor existiert!) Dies ist natürlich nur möglich, da sich sowohl Namensinitialen, als auch das Wappen auf der Klinge befinden.

Es handelt sich demnach um Captain William Lowther Hasell (1816-1849), 44th BNI, der in Kairo bereits 1849 starb, nur 32 Jahre alt. Er war der jüngste Sohn von E. Hasell Esq of Dalemain in Cumberland (Die Familie existiert nach wie vor und residiert auch noch in Dalemain .)

Sein militärischer Werdegang ist recht typisch für einen Kolonialoffizier damaliger Zeit: Zunächst Kadett des „East India Company College“ in Addiscombe. Danach Dienstantritt beim „44th Regiment of Bengal Native Infantry“ in Mhow, Indien 1836. 1843 Leutnant, später Aufenthalte in Südafrika aus medizinischen Gründen. 1845 wieder in England, im Frühjahr 1846 Rückkehr zu seinem Regiment in Indien nunmehr als Captain (In diesen Zeitraum fällt wohl auch die Anschaffung des Säbels!) Dann dort weiter Dienst. 1849 verstarb er schließlich während seiner Rückfahrt nach England in Kairo.
Seine Uniform kann man sich in etwa SO vorstellen.
In der Nähe von Dalemain (St. Andrew's Church, Dacre, Penrith) existiert ein Gedenkstein für Hasell mit folgender Inschrift:

"IN MEMORY OF/ WILLIAM LOWTHER HASELL/ CAPTAIN 44TH REGT BENGAL NI/ YOUNGEST SON OF THE
LATE/ EDWARD HASELL ESQ OF DALEMAIN/ AND JANE HIS WIFE/ WHO DIED AT CAIRO ON HIS WAY HOME/
FROM THE EAST/ JUNE 13TH 1849/ AGED 32 YEARS/ THIS TABLET IS ERECTED IN DEEP SORROW/ BY HIS
AFFECTIONATE BROTHER AND SISTERS/ BY WHOM AND ALL ELSE WHO KNEW HIM/HE WAS MOST
DESERVEDLY BELOVED/”FOR HERE WE HAVE NO CONTINUING/CITY BUT WE SEEK ONE TO
COME”/HEBREWS 13TH CHAP 14TH VERSE"

Soviel zu Captain Hasell. Nun noch ein paar Worte zu dem Säbel selbst: Er löste den „1822 Pattern“ ab, wobei sich die Veränderung lediglich auf die Klinge bezieht. Es wurde nämlich nun die Wilkinson-Klinge statt der Steckrückenklinge verwendet. Eine weitere Veränderung erfuhr das Modell dann 1854, als das abklappbare Seitenteil wegen seiner Instabilität abgeschafft wurde und das Gefäß nun auch insgesamt ein wenig robuster wurde. (siehe Vergleichsbilder P1845/P1854). Die Klinge des P1854 wurde im Laufe der Zeit ebenfalls leicht modifiziert, will sagen, immer gerader, bis sie dann beim den Nachfolgemodellen komplett (ab P1892) gerade war.

Zurück zum P1845: Man sieht an der Verarbeitung und insbesondere auch an den phantasitsch feinen Ätzungen die hohe Qualität dieser Waffe. Sie ist schön führig und durch den Ort in der Klingenmitte durchaus keine so schlechte Stichwaffe, auch wenn Stichfähigkeit natürlich bei einem Säbel immer ein Kompromiß ist und logischerweise niemals die Stichqualität eines Degens erreicht wird. Aber die Klinge ist recht steif und damit erheblich besser geeignet und stabiler als die Steckrückenklinge des Vorgängermodells.

Alles in Allem ein tolles, weitgereistes Stück englischer Kolonialgeschichte!

Grüße vom Ulanen
08.05.26, 15:27:56

Ulan13

Weitere Bilder und der Vergleich mit dem P1854:
09.05.26, 09:37:35

Zietenhusar

Objekte mit Hintergrundgeschichte finden ich um Längen spannender. Und in diesem Fall auch noch personalisiert.
Vielen Dank für die Vorstellung.

Gruß
Thomas
09.05.26, 13:04:18

fritz1888

geändert von: fritz1888 - 09.05.26, 13:05:19

Eine sehr elegante Waffe mit interessanter Geschichte.

Wie in den deutschen Staaten war es auch bei den Briten in den Kolonien üblich, "Campagnewaffen" neben dem vorschriftsmäßigen Säbelmodell zu tragen. Höchst wahrscheinlich führte auch Hasell während der verschiedenen Feldzüge, an denen das 44th BNI teilnahm, eine etwas zweckmäßigere Waffe. Dies würde auch den hervorragenden Zustand dieses Säbels erklären.

Die britischen Offiziere merkten sehr schnell, dass auch die verbesserten Wilkinsonklingen nur wenig Bestand gegen die indischen Tulwarklingen hatten und es entstanden interessante Konstruktionen mit (mehr oder weniger) vorschriftsmäßigen Gefäßen und sehr viel robusteren Klingen, z.B. vom Light Cavalry Pattern 1796.
09.05.26, 14:23:13

Ulan13

geändert von: Ulan13 - 09.05.26, 21:57:39

Zum Teil nutzten die Offiziere sogar Tulware im Gefecht, weil die Qualität indischer Waffen den europäischen in der tat durchaus ebenbürtig, wenn nicht sogar überlegen sein konnte.
Der Säbel selbst ist übrigens leicht geschärft, was Deine These untermauert. Das war wohl wirklich der "gute Säbel", der nur hervorgekramt wurde, wenn der General zur Inspektion vorbeikam.
Wenn man sich die ganzen indobritschen Offizierswaffen anschaut, gibt es da allerdings eine große Menge "non-regulated-swords", die ziemlich interessant sind.
Aber umgekehrt gab es ja auch sehr viele Tulware mit europäischen Klingen versehen... :p

@ Thomas: Ja, geht mir genauso, da bekommt so ein Teil ein Gesicht!

Grüße vom Ulanen
 
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