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corrado26

(Super-Moderator)

Ich stelle heute mal eine recht seltene Pistole vor, von der heute nur noch weniger als eine Handvoll bekannt ist. Bemerkenswert ist die große Ähnlichkeit mit der bei Preußens's Kavallerie verwendeten Pistole M 1850. Abzugsbügel, Lauf, Kolbenkappe, Laufring, Korn, Hahn und Mündungsring sind bei beiden Pistolen nahezu identisch, teilweise sind sie sogar austauschbar. Allerdings sind die Beschläge der Mecklenburger Waffe aus Eisen. Hauptunterschied aber ist das rückliegende Schloss.

Genaue Beschreibung:
Spitzkugel-Pistole M 1851 für Unteroffiziere und Trompeter der Dragoner
Nussbaum-Halbschaft mit Eisenbeschlägen, diese bestehend aus einem Abzugsbügel mit Fingerhaken, einer Kolbenkappe, von unten verschraubtem Laufring und Schlossgegenblech für zwei Schrauben. Lauf Lauf/Schaft-Verbindung durch Kreuzschraube und Laufring am Vorderschaft. Runder, am Pulversack kantiger Lauf mit Patentschwanzschraube und Mündungswulst. Standkimme auf dem Schwanzschraubenblatt, Eisen-Dachkorn 26mm hinter der Mündung. Jahr der Fertigung „18..“ an der Nahtstelle zwischen Patentschwanzschraube und Lauf. Rückliegendes Perkussionsschloss mit flachem, bündig im Schaft eingelassenem Schlossblech. Herstellersignatur „SUHL S&C“ unter Krone auf dem Schlossblech. Truppensignatur „D.R.1. 13” des mecklenburgischen Dragoner-Regiments N°1, Waffe N°13. Gute Funktion der Schlossmechanik.
Gesamtlänge 380mm, Lauflänge 220mm, Kaliber des gezogenen 15,87mm, 4 Züge.
Im Jahre 1851 hatte Mecklenburg-Schwerin damit begonnen, seine Infanterie mit gezogenen Spitzkugelgewehren auszurüsten, welche ebenfalls ein Rückschloss besaßen und die gleichfalls aus Suhl bezogen worden waren. So ist anzunehmen, dass man das System der Gewehre sowohl auf den gleichzeitig für die Mannschaften des Dragoner-Regiments eingeführten Spitzkugelkarabiner als auch - mit Rücksicht auf eine einheitliche Munitionsausstattung - auf die Pistole für die Unteroffiziere und Trompeter übertragen hat. Die Ausrüstung der Unteroffiziere und Trompeter mit der neuen Pistole begann bereits im Juli 1851, doch wurden die neuen Waffen erst nach Herausgabe der dazu notwendigen Vorschriften und Munitionsetats im folgenden Jahr in Gebrauch genommen. Als Übungsmunition veranschlagte man für jeden Unteroffizier und Trompeter 30 scharfe Patronen pro Jahr. Von dieser Munition verschossen die Soldaten mit der Pistole 18 Schuss zu Fuß, 10 zu Pferd und 2 zu Versuchen jeweils auf 100 Schritt.
Die mecklenburgischen Spitzkugelwaffen, sowohl die Gewehre, als auch der Karabiner und die Pistole waren ursprünglich für das von dem französischen Obristen Thouvenin entwickelte Ladungssystem eingerichtet. Dazu befand sich an der Patentschwanzschraube im innern des Laufs ein ca. 30mm langer, zylindrischer Dorn exakt in der Seelenachse, um den herum sich das Treibladungspulver ansammeln konnte und auf dem das Geschoss wie auf einem Amboss mittels des Ladestocks gestaucht wurde. Die Untersuchung des Laufs ergab aber, dass die vorliegende Pistole diesen Dorn nicht mehr besitzt. Der Grund dafür dürfte darin liegen, dass Mitte der 50-er Jahre des 19. Jahrhunderts das neu entwickelte MINIÉ-System das bisher gebräuchliche System THOUVENIN verdrängte. Diese neue Konstruktion kam ohne Dorn zur Kalibererweiterung des Geschosses aus.
Der Umbau auf dieses neue System war recht einfach, brauchte man doch nur den Dorn an der Patentschwanzschraube zu entfernen. Und genau dieser Umbau wurde an der Pistole offensichtlich vorgenommen.
Gruß
corrado26




09.08.08, 17:09:54

limone

(Super-Moderator)

Hier zwei mecklenburgische Dragoner nach der "Prussifizierung" der Uniformen um 1850: ein Reiter und ein Offizier.
(Der Bunte Rock, Köln a/Rh. o.J. Nr. 227, 228)


     Fröhlich sein, Gutes tun, und die Spatzen pfeifen lassen...
09.08.08, 18:30:32

Zietenhusar

(Supporter)

Hallo corrado26,

vielen Dank für die Vorstellung der interessanten Pistole. Das ist für mich alles Neuland.

Als Laie eine Frage an den Fachmann, was genau ist unter "Rückschloss" bzw. "Rückliegendes Perkussionsschloss" zu verstehen?

Gruß,
Thomas

09.08.08, 18:36:10

corrado26

(Super-Moderator)

Die angehängten Bilder zeigen den Unterschied: Bei der Mecklenburger Pistole reicht das Schlossblech links vom Hahn weit nach hinten, weil die Schlagfeder, die über die Nuß den Hahn bewegt, an der Innenseite des Schlossblech so angebracht ist, dass sie eben in diesem verlängerten Teil ihrer Arbeit nachgeht und gleichzeitig als Abzugsstangenfeder dient. Vorteil war, dass man eben diese Abzugsstangenfeder einsparte, also ein Teil weniger kaputtgehen konnte. Nachteil war, dass besonders bei Gewehren der sowieso nicht besonders stabile Kolbenhals zusätzlich durch die Schlosshöhlung im Schaft geschwächt wurde.
Das Bild derpreußischen Pistole M 1850 zeigt ein vorliegendes Perkussionsschloss, bei dem die Schlagfeder an der Schlossinnenseite im längeren Vorderteil des Schlossbrechs angebracht ist. Der Kolben musste so nicht ausgehöhlt werden, dafür benötigte aber ein solches Schloss eine zweite Feder, die den Abzug beaufschlagte.
Gruß
corrado26

09.08.08, 19:30:27

Zietenhusar

(Supporter)

Vielen Dank für die verständliche Erklärung.

Gruß,
Thomas

09.08.08, 19:56:15
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