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Jagdsammler

(Moderator)

Hallo Thomas,

der Knebel gehört im Normalfall zu den Schweinsschwertern aus dem 16 Jahrhundert.
Die hatten die Form wie auf dem Bild aus dem Triumphzug Kaiser Maximilians. Hier allerdings noch ohne Knebel. Das Wildschwein wurde dabei aus sicherer Höhe vom Pferd aus erlegt.
Ich kann mir vorstellen, dass man die Eindringtiefe begrenzte um nicht Gefahr zu laufen die Waffe zu verlieren, also damit sie nicht im vielleicht noch flüchtenden Wild stecken bleibt.

Wildschweinjagd in abgesessenen Zustand wurde mit der Saufeder, welche auch einen Knebel hat, durchgeführt.

Der Hirschfänger war nur im äußersten Notfall dazu zu gebrauchen. Sie Sau rennt den Jäger dabei in jedem Fall über den Haufen.

Hirschfänger mit einem Loch für einen Knebel sind, wie wir nun wissen, sehr selten. Ich kann mir auch vorstellen, dass damit bedeutend kleineres Wild erlegt wurde.

Jedenfalls hat sich die Sache beim Hirschfänger nicht durchgesetzt. Vielleicht lande ich ja wieder bei meiner Ausgangsüberlegung, dem Durchfädeln.
Ich denke zum Beispiel dabei an das Transportfertigmachen des Wildes. Eine Lederschnur lässt sich damit gut fädeln.

Ich hoffe ich konnte es einigermaßen rüberbringen: Mit dem Hirschfänger bitte keine Sau auflaufen lassen! Das tut sehr weh! Oberlehrer

Viele Grüße vom Jagdsammler


06.03.17, 23:31:44

Zietenhusar

(Gründungsmitglied)

Vielen Dank für Deine Erläuterung, Jagdsammler.

Vielleicht entdeckt man bei einer anderen Jagdwaffe einen ähnlichen Durchbruch und kann vergleichen. Es bleibt interessant.

Gruß,
Thomas

07.03.17, 06:02:41

ulfberth

(Moderator)

Die Funktion des Knebels leuchtet mir nicht so wirklich ein. Ich würde daher gerne nochmals auf die bereits oben erwähnten dünnen Lederriemen eingehen.

Durch das seinerzeitige Fehlen einer effizienten Kühlung stellt sich die Frage, wann beim Aufbrechen des Wildes Wilddarm, Blase, Gescheide etc. entfernt wurden.

Könnte es sein, daß diese kurzfristig erfolgte und das Wild – um es vor Austrocknung und Verunreinigung zu schützen – wieder in irgendeiner Form zugenäht wurde? Die Klinge dabei also die Funktion einer Lochahle / Einbindeahle hatte?

Gruß

ulfberth



www.seitengewehr.de
07.03.17, 09:27:06

Zietenhusar

(Gründungsmitglied)

Ich hatte noch eine ganz andere Idee. Da der Durchbruch beinahe exakt rechteckig ist, sich weit vorne aber immer noch im "starken" Bereich der Klinge befindet, dachte ich an eine Art Steckschlüssel-Funktion. Vielleicht konnte man damit etwas aufziehen, lösen oder festdrehen?
Aber, was ist schon so klein und rechteckig?!

Gruß,
Thomas

08.03.17, 18:31:20

Jagdsammler

(Moderator)

Hallo ulfberth und Thomas,

das mit dem "zunähen" oder ähnlichen Tätigkeiten kann ich mir gut vorstellen. Dies würde in meine Denkrichtung mit dem durchfädeln gehen.
Ich muss dringend mal in einige Bücher reinschauen ob ich etwas über die Tätigkeiten nach der eigentlichen Jagd finde.

Bei Steckschlüssel- Funktion fällt mir spontan nur das Radschloss ein, jedoch passt dazu der Durchbruch nicht wirklich. Aber einen Gedanken ist es jedenfalls wert.
Ich finde es schön, dass Ihr Euch hier so rege beteiligt! Danke!


Zum Abfangen mit dem Hirschfänger hat ja Gerhard Seifert vor vielen Jahren bereits ausführlich geschrieben.
In "Der Hirschfänger" schreibt er auf Seite 15 Folgendes:

Eine Erklärung für das Zustandekommen des Wortes „Hirschfänger“ gibt Wilhelm Heinrich Döbel in seinen im Jahre 1746 erschienenen „Jäger-Practica“, die nachfolgend im teilweisen Vorgriff auf den späteren Abschnitt „Die Bedeutung des Hirschfängers“ zitiert sei:

„Unsere lieben Alten und Vorfahren bey der edlen Jägerey, haben wohlbedächtig des Weidmanns oder Jägers Seiten-Gewehr mit dem Namen Hirschfänger beehren, und dabey bleiben wollen. Welches aus keiner andern Ursache hergekommen, als weil der Hirsch edel, und der edle Hirsch genennet wird, so hat man auch deswegen mit Rechte das Seiten-Gewehr nach dem edlen Hirsch einen Hirschfänger benennet. “

Und weiter:
„Sonst aber ist der Hirschfänger nicht nur das besondere Ehren-Zeichen eines Weidmanns, sondern auch sich damit zu defen- diren, und besonders die jagdbaren Hirsche, wie oben schon gedacht, insonderheit aber die wilden Sauen damit abzufangen, auch im Nothfall anlauffen zu lassen.
(Döbel 1. Anh., 105)
II. Die praktische Anwendung des Hirschfängers
Wie vorstehend gesagt, diente der Hirschfänger als jagdliche Gebrauchswaffe dem auf Rot- oder Damwild anzuwendenden Fangstoß.

Falls notwendig und möglich, gab man auch Sauen - hauptsächlich Frischlingen und „schlechten Bachen“ (Döbel II, 65) - mit dieser Waffe den Fang. Auf grobe Sauen aber traten das Fangeisen (Saufeder) und vor­nehmlich im 16. Jahrhundert das Sau- oder Schweinschwert in Aktion.
Auch den Elch und den Gams fing man mit dem Hirschfänger ab.

„Das Schwartz-Wild wird alles gefangen und gehetzt oder geschossen, starcke und geringe Stücke, bisweilen lässet man es anlauffen an Hirsch-Fänger und Fang-Eisen, was Becker, Bachen und Frischlinge seyn; die angehende und Schweine werden vorhero gehetzt, denn mit Fang-Eisen gefangen. Anlauffen zu lassen, ist gefährlich, indem es ohne Schaden schwerlich abzulaufen pfleget; wenn es aber die Hunde halten, kan man sicher abfangen. “ (Taentzer/v. Pärson II, 50)
(Anmerkung: Becker abgel. von Bacher = männl. Wildschwein vor Beginn des 4. Lebensjahres und nach Vollendung des 1. Lebensjahres — v. DombrowskiI, 390—)

Eine detaillierte Anweisung zum Anlaufenlassen findet sich im „Fehrbuch für Jäger“ (Hartig II, 187):
„Läßt man eine Sau auf den Hirschfänger anlaufen, so stützt man den Hirschfänger auf das rechte Knie, und sticht ihn der Sau zwischen Hals und Brust in die Herzkammer. “

Aus dem Kapitel „Von den extraordinairen Parforce-Hunden“ — Taentzer/v. Pärson I, 177 ff. — ergibt sich, daß man zuweilen bei der Parforce-Jagd auf Sauen den Hirschfänger vom Pferd aus anwandte, doch wohl nur, um sich ganz besonders zu „präsentiren“.
„... und wird mit Lust gesehen, wie nicht die Jäger das Schwein, sondern dasselbe den Jäger, ja öfters also jage, daß ihm der Hut im Stiche bleibe, und wenn das Schwein darauf nicht weiter gehet, und sich wieder in seinen vorigen Stand hinein begiebet, so ists Kunst, den Hut wieder zu holen: will er ihn mit dem Hirsch-Fänger aufnehmen, so muß er in den Reit-Lectionen geübet seyn. “
(a. o. a. 0.1,189)


Gruß vom Jagdsammler

09.03.17, 23:30:45

Jagdsammler

(Moderator)

Hallo zusammen,

hier zum Thema Sau abfangen mal ein typisches Sauschwert.
Bei diesem Stück ist der Durchbruch für den Knebel gut zu sehen, er ist ca. 34 cm vom Ort entfernt.
Das Sauschwert befindet sich in der Sammlung Baumann und ist im Reichstadtmuseum Rothenburg ausgestellt.

Grüße vom Jagdsammler

25.03.17, 11:57:14
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