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ulfberth

(Zeugwart)

"Löffel begraben"

Der letzte Tag der Corpsmanöver! Je tiefer die Sonne dieses Tages sinkt, desto höher steigt die Freude im Herzen des Soldaten, besonders desjenigen, der seiner Dienstpflicht genügt hat und nun zur Reserve entlassen wird. Die Plackereien, Anstrengungen und Entbehrungen sind nun zu Ende, und die Sehnsucht eilt dem Manne voran nach Hause, wo Mutter im Glorienscheine des heimatlichen Feuers am Herde steht, wo etwas brodelt und duftet, was nicht die Gestalt einer Erbswurst hat und auch nicht jenen berüchtigten »großen Graupen« ähnelt, welche man förmlich in den Magen hinabfallen hört.

»Schön ist's für das Vaterland zu sterben,« sagt jeder wackere Soldat. Aber im stillen bei sich fügt er hinzu: »Noch schöner aber ist's, für das Vaterland zu leben, und leben, ja, das thut man eigentlich doch nur daheim.« Darum blicken alle andern am Schlusse der Manöver mit einem gewissen, doch unpersönlichen Neide auf den Reservemann, auf dessen Gesichte trotz der Staub- und Schweißkruste ein Ausdruck der Verklärung ruht. Er denkt mit Stolz an die erfüllte Pflicht; er denkt mit Wonne an das Wiedersehen der lieben Seinen, und er denkt mit frohem Lächeln der Begräbnisfeier, an welcher er heute noch teilzunehmen hat. Mit Lächeln an eine so ernste Handlung denken? Ist das möglich? Warum nicht? Schau nur, wie er den zu Begrabenden zur letzten Ruhe vorbereitet! Er hält ihn in der Hand, dreht ihn nach allen Seiten, wischt ihn sorgfältig ab, frottiert ihn, bis er glänzt, und prüft mit den Fingern die heimtückische Schärfe, die ihm so oft die Lippen verwundet hat. Sie sind trotz dieser Heimtücke stets treue Freunde gewesen, haben aus einer und derselben Schüssel, einem und demselben Napfe gegessen und haben endlich beide dem Ruhme und der Ehre gedient, denn wenn der jetzt dem Grabe Geweihte auch in neuerer Zeit keine militärischen Triumphe mehr zu feiern vermochte, so hat er doch vorher und früher als Insignum der »Glorie« an den Hüten und Bärenmützen der französischen »Löffelgarde« gesteckt.

Das Regiment hat sich zum Bivouac gelagert. Die Zelte sind errichtet und die Gewehre zusammengestellt. Die Sonne ist hinter dem westlichen Horizonte verschwunden, und das letzte Tageslicht beginnt dem Scheine der Feuer, über denen die Feldkessel dampfen, zu weichen. Die Offiziere wissen, was jetzt folgen wird, und haben sich in löblicher Diskretion zurückgezogen. Da geht ein halblauter Ruf von Mund zu Mund, von Gruppe zu Gruppe:

»Reservisten antreten – Löffel begraben!«

Sämtliche Reservemänner eilen dem vereinbarten Sammelpunkte zu, an welchem sich eine kurze, geheimnisvolle aber rege Thätigkeit entfaltet. Man hört die Leute kichern; einige laute, kräftige Witze fliegen wie Raketen auf; dann folgt ein Kommandowort, und der Trauerzug setzt sich in Bewegung.
Voran reitet natürlich der Höchstkommandierende, ein Gefreiter, auf dem hoch erhobenen Haupte einen Helm von Stroh und um die breite Taille eine Schärpe von demselben kostbaren Stoffe. Das Pferd ist mit einem gleichen Kranze geschmückt. Es hat zwar keinen arabischen Stammbaum aufzuweisen und schritt bisher dem Marketenderwagen voran, da es aber seine sehr bekannten »Mucken« hat, und der Herr Oberst heute zum erstenmal auf dem Rücken eines Vierfüßlers sitzt, so wird es der größeren Sicherheit halber von einem nebenher schreitenden Edelknappen am Zügel geführt.
Zur linken Hand reitet natürlich der Herr Adjutant, auch mit einer Strohgirlande geschmückt. In sinniger Andeutung daß er seine »Aktiven« abgedient hat und sich nunmehr civiliter bewegen wird, hat er sich mit einem Cylinderhute gekrönt, welcher einer auf dem Felde entdeckten Vogelscheuche abgenommen wurde. Auch er muß beritten sein; da aber der Marketendergaul der einzige Quadruped des Regiments ist, so hat er sich nur eine zweibeinige Rosinante leisten können, die ihn durch allerhand tolle Kapriolen in Verlegenheit zu bringen sucht, was er ihr aber durch ganz besondern Schenkeldruck vergilt.

Hinter ihnen trägt ein strammer Reservemann ein aus einer Haupt- und mehreren Querstangen bestehendes Gestell, an welchem die zu begrabenden Eßlöffel hängen. Dann folgen im Gleichschritt die übrigen Reservisten, von denen jeder, sowie auch die Vorgenannten, anstatt des Säbels mit irgend einem Stecken oder sonstigen Holze bewaffnet ist. Dabei erschallt nach der Melodie »Guter Mond, du gehst so stille« ein dumpfer, jämmerlicher Trauergesang, welcher in Anbetracht des Umstandes, daß Reis das unbeliebteste und doch am häufigsten verabreichte Kasernenessen ist, aus den folgenden Strophen besteht:

»Traurig schleichen wir zum Grabe,
Daß uns fast das Herze bricht;
Wenn ich keinen Reis mehr habe,
Brauch' ich auch den Löffel nicht.
Traurig schleichen wir zum Grabe,
Daß uns fast das Herze bricht.«

Ist der Zug an dem schon vorher bereiteten Grabe angekommen, so gruppiert er sich um dasselbe, und der Herr Oberst hält eine den Umständen angepaßte, natürlich hochkomische Rede, wobei der Gaul des Adjutanten sich alle Mühe gibt, seinen Reiter ab- und in die Grube zu werfen, was der Letztere mit der größten Anstrengung zu verhüten sucht.

Hierauf wird nach dem Lager zurückgekehrt. Die Reservisten verteilen alle nun für sie überflüssigen Gegenstände unter die zurückbleibenden Kameraden; zur Bestreitung eines möglichst solennen Abschiedstrunks werden die etwa noch vorhandenen Muttergroschen hervorgezogen, welche in der Tasche des schmunzelnden Marketenders verschwinden, und bald erschallt nach der Melodie »Die Wacht am Rhein« ein Abschiedslied der Reservemänner durch die Luft, dessen Refrain beweist, daß sie zwar gern gehen, doch auf den Ruf ihres Kriegsherrn willig wiederkommen werden:

»Lieb Vaterland, magst ruhig sein;
Geht's los, stell' ich mich wieder ein!«

Quelle: Karl May (genau der!); »Löffel begraben.« In: Der Gute Kamerad. 3. Jg. Nr. 51. S. 807–809. – Berlin, Stuttgart (1889), S. 807-809.



www.seitengewehr.de
30.08.12, 19:41:08

Zietenhusar

(Supporter)

Der Löffel spielte bei der NVA ebenfalls (noch) eine Rolle. Zum Ende der Dienstzeit hatte jeder EK (Entlassungskandidat ) einen Löffel bei sich. Dieser wurde beim entgültigen Verlassen der Kaserne, und dem Hinterlassen der Dienstzeit, hinter sich geworfen.

Gruß,
Thomas

30.08.12, 20:13:54

RAO

(Mitglied)

Vor den letzten zehn Tagen wurde der Löffel vorne plattgeklopft, über einer offenen Flamme geschwärzt und auf dieser Fläche die letzten zehn Tage des Bandmaßes abgebrannt. Danach schrieben wir mit Kreide eine große 10 drauf und trugen den Löffel mehr oder weniger sichtbar am Mann. Tagesäcken wurde er natürlich mit Wonne vor Augen geführt, selbstverständlich jeden Tag aktualisiert und beim endgültigen verlassen des Objektes über das KDL geworfen. Was war das schön .... ;o) Gruß Mike

PS: Das die Tradition so alt ist, war mir allerdings auch noch nicht bewusst, danke ulfberth. Nun lautet eine Frage natürlich, lebt diese Soldatenkultur noch. Ok war Quatsch, die Antwort kenne ich selbst.

31.08.12, 13:27:13
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