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Hirschfänger aus dem 17. Jahrhundert

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27.02.17, 22:34:38

Jagdsammler

Hallo zusammen,

heute möchte ich einen Hirschfänger aus dem 17. Jahrhundert vorstellen.

Er hat ein eisernes Bügelgefäß mit nach vorne abstehender Muschel. Dies deutet darauf hin, dass es in der leider nicht mehr vorhandenen Scheide ein Beimesser, wenn nicht gar ein ganzes Besteck gab. Der Griff ist aus schräg gerilltem Hirschhorn. In den Rillen verläuft jeweils ein dickerer, verdrillter Messingdraht.

Die Klinge hat nahe des Rückens beidseitig eine schmale Kehle, wobei sie quartseitig nur noch zu erahnen ist. Terzseitig weist die Klinge eine schöne Halbmondmarke auf wie sie im 16./17. Jahrhundert in Mode war. Diese Art Marken finden sich gerne auf spanischen Klingen jener Zeit aber wohl auch auf welchen aus Mailand. Ich denke, dass diese Marke ähnlich wie der Passauer Wolf, auch von anderen Schmieden geschlagen wurde.

Als Besonderheit hat Dieser Hirschfänger rund 10 cm vor der Spitze noch einen rechteckigen Durchbruch von 6 mm Länge und 2mm Breite. Ich könnte mir vorstellen, dass es dazu diente eine Schnur oder ähnliches irgendwo durchzufädeln. An einem Hirschfänger habe ich so etwas jedenfalls noch nicht gesehen. Vielleicht gibt es ja noch andere Ideen. Wenn ja, dann raus damit!

Die Maße:
Gesamtlänge: 764 mm
Klingenlänge: 640 mm
Klingenbreite max.: 37 mm
Klingen stärke max.: 4,5 mm

Grüße vom Jagdsammler
28.02.17, 17:58:18

Clouseau

Hallo Jagdsammler,

das ist nicht mein Gebiet. Aber könnte es nicht sein, dass mittels dieses Lochs eine Art Knebel, analog zu einem Sauspieß, befestigt wurde?

Gesehen habe ich so etwas auch noch nicht
28.02.17, 23:02:17

Jagdsammler

Hallo Clouseau,

danke für diesen Vorschlag.
An diese Lösung hatte ich auch schon gedacht, doch dann habe ich sie wieder verworfen.
Zum Einen sitzt die Öffnung zu nah am Ort, es wären nur 10 cm Eindringtiefe, zum Anderen wäre das für einen Hirschfänger an sich sehr ungewöhnlich.
Zwar konnte man zur Not auch ein Wildschwein mit einem Hirschfänger abfangen, was allerdings nicht anzuraten ist, aber dafür gab es eben den von Dir erwähnten Sauspieß oder das Schweinsschwert mit Knebel.

Kurios ist es in jedem Fall da wirklich noch nie an einem anderen Stück gesehen.

Gruß vom Jagdsammler
01.03.17, 00:10:26

Clouseau

Hallo, ich als Laie nochmal,

das Thema geringe Eindringtiefe ging mir auch durch den Kopf. Es trifft aber nur zu, wenn man den Knebel direkt in das Loch steckt.

Eine andere Lösung wären quasi zwei Knebel, die mit einer Kette, oder einem starken Lederriemen verbunden sind und auf diese Weise die Eindringtiefe verdoppeln oder verdreifachen würden.

Einer angeschweißten Sau möchte ich damit dennoch nicht gegenüberstehen, aber im Notfall... Scheint sich aber auch nicht bewährt zu haben, sonst würde man solch einer Vorrichtung sicher öfter begegnen.
01.03.17, 20:44:57

Jagdsammler

Hallo Clouseau,

ein interessanter Gedanke mit der Knebel-Verlängerung.
Ich werde mich in nächster Zeit mal durch das neue Hirschfänger-Buch von Herrn Westphal durchackern (Immerhin 931 Seiten).
Vielleicht bringt das ja etwas Licht ins Dunkel.

Gruß vom Jagdsammler
02.03.17, 00:00:40

ulfberth

Solange würde ich nicht warten, sondern Herrn Westphal direkt anschreiben. Das Thema könnte auch für ihn von Interesse sein.

Gruß

ulfberth
03.03.17, 23:10:36

Jagdsammler

Hallo ulfberth,

danke für den Tipp, habe ich gemacht.
Ich habe aber auch zeitgleich mal im Buch nachgeblättert und habe dann auf Seite 234 tatsächlich den Hirschfänger mit der Nr.122 gefunden der auch einen Durchbruch hat.
Und siehe da, unser lieber clouseau hat recht! Tatsächlich diente das Loch wohl für einen sogenannten Auflaufknebel.

Dazu steht in der Fußnote noch: "Dieses Merkmal älterer Jagdschwerter stellt bereits im 17. Jahrhundert eine Ausnahme dar."

Also wäre das geklärt. Ich bin trotzdem gespannt, was ich eventuell noch vom Autor höre.

Vielen Dank an Euch für die rege Diskussion!

Grüße von Eurem Jagdsammler
04.03.17, 08:50:57

corrado26

Als absoluter Laie auf diesem Gebiet meine Grundsatzfrage: Warum überhaupt muss die Eindringtiefe begrenzt werden? Der Sau dürfte es relativ egal sein, wie tief sie abgestochen wird........... :confused:
04.03.17, 21:51:47

Jagdsammler

Hallo corrado26,

zu Zeiten Kaiser Maximilians I. kamen die Schweinschwerter auf, welche statt der Klinge zunächst nur einen vierkantigen Stab aufwiesen und die eigentliche Klinge erst das vielleicht letzte Viertel war.
Im Bereich des Klingenanfangs nahe des Stabes war der Durchbruch für den Knebel. Es wurde für gewöhnlich vom Pferd aus geführt.
Für die Jagd im abgesessenen Fall war die Saufeder gedacht, welche ja auch über einen Knebel im Tüllenbereich der Klinge verfügt. Der Knebel war eben einfach da, um sich die Sau möglichst vom Leib zu halten.
Es gehörte schon eine Portion Mut dazu, so ein Tier auflaufen zu lassen. Wobei dies mit einer Saufeder wohl noch einigermaßen gehen mag, es mit einem Hirschfänger jedoch sicher ein Lotteriespiel war.

Nun jetzt noch zu der Antwort von Herrn Westphal die ich dankenswerter Weise heute bekommen habe:

"Bei dem Klingendurchbruch handelt es sich ganz sicher um eine Besonderheit.
Nach seinem regulären Auftreten an wesentlich älteren Jagdschwertern ist mir lediglich ein Fall bekannt, der dieses Merkmal aufweist.
Sie finden ihn in dem Ihnen vorliegenden Buch unter Kat. Nr. 122 beschrieben.
Sie werden lesen, auch mir ist nichts Besseres eingefallen, als eine Deutung im Kontext eines Auflaufknebels.
Besonders glücklich bin ich nicht damit, weiß aber, dass man an Jagdwaffen mit einer großen Bandbreite ausgefallener, individueller Lösungen rechnen muss."

Gut, das lassen wir jetzt mal so stehen und wenn es neue Erkenntnisse gibt werden die hier gerne mitgeteilt.

Grüße vom Jagdsammler
06.03.17, 05:54:43

Zietenhusar

Meine Kenntnisse über Jagdwaffen sind wahrscheinlich noch geringer als bei einem Laien. Dennoch möchte ich etwas zur Diskussion anregen. Gesetz des Falls, dieser kleine Durchbruch enthielt tatsächlich einen Auflaufknebel, dann müsste das verwendete Material aber ziemlich zäh gewesen sein. Eisen oder Stahl mit so kleinem Querschnitt war doch bei einem zentnerschweren Tier, die Energie des Anlaufens noch nicht mitgerechnet, wirklich ein Lottospiel.

Waren die Durchbrüche für solcherart verwendeten Knebel tatsächlich immer so klein?

Gruß,
Thomas
 
 
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